Neues vom Wasserstoff
Plattform
Am 20. und 21. Januar wurde in Brüssel die Wasserstoff-Forschungsplattform der Europäischen Kommission gestartet. Kommissionspräsident Romano Prodi war anwesend, ebenso Maria da Graça Carvalho, portugiesische Ministerin für Wissenschaft und Höhere Bildung.
Prodi nannte das Ereignis einen Meilenstein für alle in Europa, die an Wasserstoff und Brennstoffzellen interessiert seien. Es werde von großem Einfluss dabei sein, eine völlig Art von Energieerzeugung und -verbrauch in Gang zu setzen. Zur Mitte des Jahrhunderts solle nachhaltige und saubere Energie der gesamten Weltbevölkerung zur Verfügung stehen. Aber um das zu erreichen, müsse man jetzt einen Gang höher schalten.
Ministerin da Graça Carvalho zählte eine lange Reihe von Forschungsprogrammen in Europa auf, aber das Gesamtbild erscheine immer noch zersplittert, unzureichend gefördert und weit hinter den USA und Japan zurück. Die Plattform solle das ändern. Die zehn Beitrittsstaaten seien nicht nur ein neuer Markt, sondern würden auch eine Bevölkerung von hohem Bildungsstand sowie außerordentliches Forschungspotential mitbringen.

Essen
Ein großer Erfolg war nach dem Urteil aller Beteiligten der Erste Internationale Deutsche Wasserstoff-Energietag in Essen am 11. und 12. Februar 2004. Mit einer Teilnehmerzahl von knapp 400 wurden die Erwartungen deutlich übertroffen. An beiden Konferenztagen wurden alle wesentlichen Aspekte einer zukünftigen Wasserstoff-Energietechnologie im Detail diskutiert, angefangen von Wasserstoffproduktion, Transport, Verteilung und Speicherung bis zur stationären, mobilen und portablen Nutzung. NRW-Ministerpräsident Steinbrück und Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement waren Schirmherren. Axel Horstmann, nordrhein-westfälischer Energieminister, sprach zur Eröffnung zu den Anwesenden. Ein Sonderprogramm für Schüler war so begehrt, dass sogar Absagen erteilt werden mussten.
Erstmals fand eine solche Tagung im Zusammenhang mit einer konventionellen Energiemesse (e-world) statt. Damit wurde auch Interessenten der bisherigen Energietechnologie den Zugang zu Informationen über die zukünftige Anwendung von Wasserstoff erleichtert. Gleichzeitig sollte ein Zeichen gesetzt werden, dass der Wasserstoff in der Energietechnologie bereits angekommen ist.

Neues aus dem Blätterwald
In der März-Nummer von bild der wissenschaft erschien ein Artikel über Wasserstoff-Energietechnologie, der auf dem Titelblatt mit "Streit um die Wasserstoffwelt - Wie eine Lobby sie durchpeitschen will" sehr reißerisch angekündigt wird. Die Schlagzeile steht auf dem gleichen Niveau wie der Artikel insgesamt, also tief unter dem, was man von bild der wissenschaft eigentlich erwarten darf. Die Möglichkeiten der Wasserstofftechnologie werden schlechtgeredet und schlechtgerechnet, wobei auch vor völlig falschen Zahlen nicht zurückgeschreckt wird. So wird die Weltjahresproduktion von Wasserstoff mit 600 Mio. Nm 3 angegeben, während es in Deutschland schon 950 Mio. Nm 3 sind.
Als kritische "Energiefachleute" werden die Herren Eisenbeiß (FZ Jülich) und Bossel (Schweiz) zitiert, die seit Jahren jeweils eine Privatfehde gegen den Wasserstoff führen. Eisenbeiß stellt sich die Wasserstoff-Wirtschaft so vor, dass man mit Strom Wasserstoff erzeugt und aus ihm, etwa in Brennstoffzellen, wieder Strom macht. Wie er mit solch schlichten Vorstellungen als "Fachmann" durchgeht, bleibt unklar. Merkwürdig ist, dass er als Vorstandsmitglied des Forschungszentrums Jülich den Wasserstoff ablehnt, obwohl die Institute eben dieses Zentrums zu den führenden einschlägigen Forschungseinrichtungen Deutschlands zählen und das Zentrum selbst Mitglied im DWV ist.
Selbst Vorstandsmitglieder des DWV werden zitiert, wobei ihre Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, sinnentstellend verdreht oder gar ins Gegenteil verkehrt werden. Der Artikel enthält eine solche Menge von Unwahrheiten, Verdrehungen, Verfälschungen und Dummheiten dass es langweilig und fruchtlos wäre, alles einzeln zu widerlegen. Auf jeden Fall ist er ein Schlag ins Gesicht aller seriösen Forscher, Forschungsinstitute, Landes- und nationalen Initiativen, die sich mit großer Seriosität um saubere Energiequellen und Wasserstoff als Energieträger bemühen. Der Artikel sagt über die Autoren und ihre Absichten mehr aus als über die Chancen und Probleme des Energieträgers Wasserstoff.

Kalifornien
An jeder kalifornischen Autobahn solle im Abstand von höchstens 20 Meilen eine Wasserstofftankstelle entstehen, hatte Arnold Schwarzenegger im Wahlkampf um das Amt des Gouverneurs von Kalifornien versprochen. Noch in diesem Halbjahr sollen konkrete Pläne vorliegen, wie das geschehen kann. Wie der von Schwarzenegger neu ernannte Chef der California Environmental Protection Agency sagte, liefe das auf ein Netz von 200 Tankstellen hinaus, was bei 300 ... 500 k$ pro Station Gesamtkosten von der Größenordnung 100 M$ verursachen würde. Immerhin 28 Tankstellen seien schon da oder in der Planung. Außerdem hofft der Staat auf Bundeshilfe. Der Abstand von 20 Meilen würde für die Mehrheit der Bevölkerung mindestens eine Tankstelle erreichbar machen. Für die ländlichen Gebiete müsse man andere Lösungen finden. ( The Hydrogen & Fuel Cell Letter , Januar 2004)
Während Schwarzenegger mit der Forcierung des Kraftstoffs Wasserstoff durchaus auf einer Linie mit seinem Parteifreund im Weißen Haus liegt, ist das bei der Frage der Wasserstofferzeugung keineswegs so. Bush will den Wasserstoff mittels Kohle, Gas oder Kernkraft erzeugen lassen, Schwarzenegger mit Hilfe der erneuerbaren Energien.

Reformer
Die WS Reformer GmbH in Renningen bei Stuttgart hat Kleinanlagen entwickelt, mit denen sich Wasserstoff aus Erd- oder Biogas erzeugen lässt. Damit schaffte es das Unternehmen bei der Wahl für die Innovationspreise der deutschen Wirtschaft 2003, die jährlich von der Düsseldorfer Wirtschaftswoche und dem Wirtschaftsclub Rhein-Main ausgeschrieben wird, unter die 15 besten von über 300 Bewerbern. Es gehört so zu den innovativsten fünf in der Kategorie der Start-ups. Mit den Reformern ist eine dezentrale Wasserstoff-Produktion möglich, beispielsweise im Keller eines Ein-Familien-Hauses oder an einer Tankstelle. WS Reformer hat bereits Bustankstellen in Madrid und am Flughafen München mit Anlagen ausgestattet. Die Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig betreibt einen Reformer, der Biogas in Wasserstoff umwandelt.
(Pressemitteilung vom 22. Januar 2004)

Gekauft
Der französische Industriegasekonzern Air Liquide übernimmt die deutsche Firma Messer Griesheim . Der Handel hat einen Umfang von knapp 2,7 G€ und betrifft die Messer-Geschäfte in Deutschland, Großbritannien und den USA. Die Transaktion solle nach Genehmigung der zuständigen Behörden voraussichtlich Mitte 2004 abgeschlossen werden. Teile von Messer Griesheim wird Air Liquide wegen Auflagen der Wettbewerbsbehörden wohl wieder verkaufen müssen.

Boote
Seit 1998 wird am Institut für Energie und Energiesysteme der Fachhochschule der Westschweiz an Booten mit Brennstoffzelle und dem Kraftstoff Wasserstoff gearbeitet. Das Paul-Scherrer-Institut und die Werft MW-Lind sind daran beteiligt. Die neueste Frucht dieser Arbeiten kann jetzt schon vier bis sechs Passagiere an Bord nehmen und über den Neuchâteler See schippern. Das Boot ist 7 m lang und wiegt 1500 kg. Die beiden Elektromotoren liefern 3 kW. Damit fährt das Boot 12 km/h auf Dauer und 18 km/h Spitze. Es ist für Ausflüge auf Seen und Kanälen gedacht.

Tankstelle
Air Products stellte auf dem Deutschen Wasserstoffenergie-Tag in Essen eine mobile Tankstelle vor. Damit können Unternehmen oder Forschungseinrichtungen, die Brennstoffzellenfahrzeuge entwickeln oder bereits in Pilotprojekten betreiben, Engpässe in der Wasserstoffinfrastruktur flexibel und kostengünstig überbrücken. Der "Minifueler 100" ist ein vollständig betriebsbereites Betankungssystem mit kompakten Abmessungen (1,2 x 1 x 2,3 m), das aus beliebigen Quellen gespeist werden kann. Er auf die Betankung von zwei bis fünf Fahrzeugen pro Tag ausgelegt. Das Modell 200 hat die doppelte Kapazität.

Ethanol
Einen Ethanolreformer mit hohem Wirkungsgrad haben Chemiker der University of Minnesota vorgestellt. Er ist besonders klein und tragbar und sehr einfach aufgebaut. Herzstück ist ein Katalysator aus Rhodium und Cer. Mehr als 95 % des eingesetzten Ethanols werden in Wasserstoff verwandelt. Damit kämen für den Antrieb eines Fahrzeugs 60 % Wirkungsgrad bezogen auf die Ausgangsstoffe zusammen. Da der Kontakt mit dem Katalysator nur 50 ms dauert, lassen sich problemlos große Mengen Wasserstoff produzieren. Allerdings entsteht bei der Reaktion auch das Katalysatorgift Kohlenmonoxid.
(G. A. Deluga u. a., Science 303 (2004) 993-7)


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