Offener Brief an die Mitglieder der Bundesregierung und der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Regionalentwicklung“


Offener Brief an die Mitglieder der Bundesregierung und der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Regionalentwicklung“
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,

Wasserstofftechnologien sind der Erfolgsschlüssel der Energiewende, da sind sich die meisten Experten einig. Nur mit dem Energieträger Wasserstoff wird eine versorgungssichere, nachhaltige und wirtschaftliche Energiewende in allen Sektoren möglich sein.
Aus diesen Gründen fordern wir die Bundesregierung auf, sich aktiv für die Ansiedlung einer Brennstoffzellen- und Elektrolysefertigung sowie einer sektorenübergreifenden Wasserstoffwirtschaft in Deutschland einzusetzen und die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Mit diesem Schritt könnten bereits bis 2030 über 70.000 Arbeitsplätze neu geschaffen werden und bis 2050 würde sich ein Marktpotential von weit über 40 Mrd. EUR mit über 150.000 Arbeitsplätzen ergeben.

Strukturwandel in den Kohlerevieren mit Brennstoffzellen- und Elektrolysefabriken positiv gestalten
Von den geplanten drastischen Einschnitten in die Kohleverstromung sind rund 21.000 Arbeitnehmer in den vier Revieren Rheinland, Lausitz, Mitteldeutschland und Helmstedt direkt betroffen. Die Braunkohle-Industrie geht einschließlich der indirekten Beschäftigung von rund 70.000 Arbeitsplätzen aus. Alleine für den Aufbau der erforderlichen Elektrolysekapazitäten von ca. 5 GW pro Jahr in Deutschland sind über 70.000 Beschäftigte notwendig. Diese könnten somit den Wegfall der Arbeitsplätze in den Kohlerevieren kompensieren.
Vor diesen Hintergründen wäre die deutsche Bundesregierung gut
beraten, wenn sie zur Abfederung der sozialwirtschaftlichen Folgen in den Kohleregionen aufgrund des anstehenden Kohleausstieges nicht nur auf die Unterstützung von Batteriefabriken konzentrieren würde. Die Bundesregierung sollte vielmehr durch die gezielte Ansiedlung von großen Brennstoffzellen- und Elektrolysefabriken alle Optionen auf eine Kompensation der wegfallenden Arbeitsplätze in den deutschen Kohlerevieren nutzen.

Deutschland führend in der Wasserstoffindustrie
Insbesondere im Mobilitätssektor, für den einer der größten Veränderungsprozesse seit den Anfängen der Industrialisierung ansteht, benötigt Deutschland eine langfristige Strategie zur Vermeidung von Strukturbrüchen, wie wir sie gerade in der Stromwirtschaft erleben. Wasserstoff, der mit Strom von erneuerbaren Energiequellen erzeugt wird, hat das Potential die Emissionen in den Sektoren Mobilität, Wärme, Industrie und Chemie erheblich zu mindern. Es gilt jetzt, den noch vorhandenen Wissensvorsprung im Bereich der Wasserstofftechnologien in Europa und insbesondere Deutschland zur breiten Markteinführung zu nutzen, ansonsten steht Europa in 5-7 Jahren vor genau dem gleichen Problem wie heute im Fall der Batterie. In der Batteriefertigung hat Europa den Wettlauf bereits verloren, weil sich China frühzeitig strategisch auf diese Technologie ausgerichtet hat und bereits heute die Technologie- und Rohstoffführerschaft im Rahmen seines „Made in China 2025“ innehat.

Brennstoffzellenmobilität für Reichweite, Langstrecke und LKW
Nach einer Umfrage der KPMG sehen über 65% der befragten Automanager in der Brennstoffzelle klare Vorteile gegenüber der batterieelektrischen Mobilität. Die Gründe hierfür liegen hierfür liegen in der hohen Reichweite von 500 bis 800 km bei kurzer Betankungszeit von nur 3-4 Minuten. Insbesondere das Laden der Batterien wird in einer zunehmend erneuerbar dominierten Stromwelt zu einer echten technologischen Herausforderung. Mit der zunehmenden Anzahl von batterieelektrischen Fahrzeugen wird die Bereitstellung der erforderlichen Ladeinfrastruktur in den Städten nahezu unlösbar. Eine Studie des Forschungszentrums Jülich im Auftrag von H2Mobility, dem deutschen Konsortium führender Industrieunternehmen, hat ermittelt, dass die Wasserstoffinfrastruktur langfristig um über 10 Mrd. EUR günstiger ist als eine reine Stromladeinfrastruktur. Wasserstoff ist dabei nicht nur der Treibstoff der Zukunft für PKWs, sondern insbesondere auch für Fahrzeuge mit hohen Tagesfahrleistungen, wie Fahrzeuge im Carsharing, Verteiler-Fahrzeuge, Schwerlast-LKW, Busse (besonders ÖPNV-Busse) und Nahverkehrszüge. Im Schwerlastverkehr lassen sich die Klimaziele für 2030 ohne erneuerbaren Wasserstoff und Brennstoffzellen-LKW kosteneffizient nicht mehr einhalten.

Mit Wasserstoff können große Mengen an Energie effizient transportiert und gespeichert werden
Die im Jahr 2050 nahezu 100prozentige Erzeugung von Strom mit Wind und Sonne macht die großenergetische Speicherung von Strom zur Aufrechterhaltung der energetischen Versorgungssicherheit erforderlich. Gleichzeitig muss
die Energie von den Erzeugungs- in die Verbrauchszentren transportiert werden. Bereits heute zeichnet sich das damit verbundene Problem ab – 2017 sind den Stromkunden über 1 Mrd. EUR an Zusatzkosten aufgrund fehlender Stromtrassen entstanden. Dieses Problem wird sich mit dem für die Klimaziele notwendigen Zubau erneuerbarer Energieerzeugung weiter verstärken, insbesondere wenn Deutschland erneuerbaren Strom importieren möchte. Großvolumige und langfristige Speicherung von erneuerbarer Energie sowie deren effizienter Transport über große Distanzen wird nur mit dem Energieträger Wasserstoff möglich sein, darüber sind sich nahezu alle Experten einig. So kann ein Hochspannungsstromsystem mit 380 kV durchschnittlich 2.000 MW übertragen, wohingegen eine Gaspipeline problemlos 25.000 MW übertragen kann. Und die für den Transport aber auch die Speicherung erforderliche Gasinfrastruktur ist bereits in großen Teilen vorhanden.

Integriertes Energiekonzept mit Wasserstoff günstigste Option
Für die strategische Unterstützung der Entwicklung der Wasserstoffindustrie gibt es aber nicht nur technische, sondern auch eindeutige volkswirtschaftliche Gründe. Für die Erzeugung des benötigten Wasserstoffs sind große Mengen an Elektrolyseuren erforderlich. Jüngste Studien führender Institutionen, wie die DENA, NOW, FhG-ISE oder INES kommen zu dem Ergebnis, dass bis 2050 bis zu 350 GW Elektrolyseleistung in Deutschland aufgebaut werden müssen. Das entspricht einem wirtschaftlichen Marktpotential von über 300 Mrd. EUR.
Gleichzeitig dienen diese Elektrolyseure aber auch zur Stabilisierung des Stromsystems. Im Ergebnis hat ein kombiniertes Strom- und Wasserstoffsystem erhebliche volkswirtschaftliche Vorteilen. Die DENA hat erst kürzlich ermittelt, dass die Systemkosten einer intelligent integrierten Strom-Wasserstoffenergiewirtschaft über 500 Mrd. EUR günstiger ist als die reine Stromwirtschaft.

Elektromobilität ohne risikoreiche Rohstoffabhängigkeit
Die Fertigung von Elektrolyseuren und Brennstoffzellen sind erheblich weniger auf seltene und kostenintensive Rohstoffe angewiesen als die Herstellung von Batterien. Der Rohstoffeinsatz bei einem Brennstoffzellenantrieb liegt im Vergleich zum Endprodukt ungefähr auf dem gleichen Niveau, wie bei der Herstellung von Verbrennungsmotoren. Deutsche Batteriezellenfabriken wären, bezogen auf das Gesamtprodukt, aber zu über 70% seltene Rohstoffe aus politisch höchst instabilen Ländern mit äußerst fragwürdigen Arbeitsbedingungen angewiesen. Eine Vielzahl dieser Rohstoffquellen sind zudem bereits durch chinesische Unternehmen gesichert worden, so dass eine dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit deutscher bzw. europäischer Batteriefertigungsfabriken sehr fraglich sein dürfte.
Letztendlich würde man vermutlich in die gleichen Probleme geraten, wie bei der Ansiedlung von Solarfabriken in Deutschland.

Prognosen für den Elektrolysemarkt schätzen das Potential auf über 30 Mio. Arbeitsplätze
Eine McKinsey Studie – initiiert vom Hydrogen Council, einer Vertretung führender globaler Industrieunternehmen – hat ergeben, dass im Geschäftsfeld Wasserstofftechnik weltweit bis 2050 über 30 Mio. neue Arbeitsplätze entstehen werden. Das enorme Potential ergibt sich an dem wachsenden Bedarf an Langzeitspeichern aber auch an dem Bedarf an Brennstoffzellen für eine emissionsfreie Mobilität. Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass die Produktion von Brennstoffzellen und Elektrolyseuren eine um bis zu 50% höhere lokale Wertschöpfung aufweist als bei der Herstellung von Batterien. So kommen im Gegensatz zu einem batterieelektrischen Fahrzeug mit ca. 200 Hauptgruppenbauteilen in einem Brennstoffzellenfahrzeug annähernd ähnlich viele Baugruppen wie bei einem heutigen Fahrzeug mit Verbrennungsmotor zum Einsatz.
Damit sind die Chancen zur Schaffung dauerhafter und qualifizierter Arbeitsplätze in der Wasserstoffindustrie erheblich höher als in der Batteriefertigung. Deutschland sollte nichts unversucht lassen die optimalen Voraussetzungen für die Ansiedlung vieler dieser Arbeitsplätze in Deutschland zu schaffen.

Gemeinsam mit Frankreich den Grundstein für eine europäische Wasserstoffindustrie legen
Die Gestaltung der industriewirtschaftlichen Zukunft unter den Klimazielvorgaben kann und darf nicht allein durch die Industrie geleistet werden, die Politik muss hier ihrer Verantwortung gerecht werden. Ein Verweis auf das Beispiel der Luftfahrtindustrie zeigt, welche Möglichkeiten sich aus einer aktiven industriepolitischen Gestaltung ergeben können. Die Politik hatte früh den wachsenden Bedarf an Flugzeugen erkannt und auf die Gründung eines europäischen Flugzeugbauers gedrängt, um der US-Luftfahrtindustrie etwas entgegenzusetzen. Auch damals sind umfangreiche Mittel der beteiligten Staaten geflossen, um Airbus zum Fliegen zu bringen. Dieses Geld hat sich zweifelsfrei vielfach ausgezahlt. Die im vorstehenden Absatz genannten Zahlen sollten der Bundesregierung Anlass genug sein eine neue Initiative dieser Dimension, eine „H2Industrie“, eventuell sogar gemeinsam mit Frankreich, zu gründen. Auch Frankreich steht insbesondere im Automobilsektor vor ähnlichen Herausforderungen und Präsident Macron hat gemeinsam mit Umweltminister Hulot jüngst ein 100 Mio. EUR Förderprogramm für Wasserstoff in einem nationalen Strategieplan zur Verfügung gestellt. So beabsichtigt Frankreich im Bereich Mobilität bis 2023 über 5.000 leichte Nutzfahrzeuge und 200 Fahrzeuge aus dem Schwerlastbereich (LKW, Busse, Schiffe, Züge) auf Frankreichs Straßen zu bringen. Bis 2028 sollen es 20.000-50.000 bzw. 800 bis 2.000 Fahrzeuge sein. Aber Frankreich geht noch weiter. Für grünen Schienenverkehr soll bis Ende des ersten Halbjahrs 2018 eine parlamentarische Kommission berufen werden, um auszuarbeiten, wie Loks mit hohen Emissionen durch solche mit sauberer Technologie ersetzt werden können. Außerdem ist die Schaffung eines internationalen Zentrums zur Zertifizierung von Hochdruckwasserstoffbauteilen im Schienen-, Luftfahrt-, Seeschifffahrts- und Binnenschifffahrtsbereich geplant. Auch die Perspektiven für die französische Wasserstoff-Wirtschaft beziffert Minister Hulot in seinem Vorstoß. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens McKinsey kann die Branche in 2030 mit einem Jahresumsatz von etwa 8,5 Milliarden Euro rechnen, 40 Milliarden könnten es 2050 sein. Das Exportpotential wird – ebenfalls bis 2030 – mit 6,5 Milliarden Euro beziffert. Minister Hulot rechnet auch damit, dass in der Branche bis 2030 mehr als 40.000 Arbeitsplätze entstehen (150.000 bis 2050). Es liegt somit nahe gemeinsam mit Frankreich eine europäische Wasserstoffstrategie zu entwickeln und konsequent umzusetzen.

Gezielte Ansiedlung von Brennstoffzellen- und Elektrolysefabriken
Wir fordern daher die gezielte Förderung für die Ansiedlung von Brennstoffzellen- und Elektrolysefabriken in den früheren Kohlerevieren. Viele der erforderlichen Fähigkeiten sind in den Regionen vorhanden. Speziell das in den Regionen vorhandene Know-how von Elektro- und Maschinenbau wird benötigt, um effizient Wasserstofftechnologien herstellen zu können. Darüber hinaus weisen die Kohleregionen aber auch Wissen über die Energiewirtschaft auf. Dieses Verständnis ist wichtig, um die zukünftigen Anforderungen an die Wasserstoffenergiewirtschaft richtig zu verstehen, daraus entsprechende Strategien abzuleiten und diese unternehmerisch effektiv umzusetzen.
Wir fordern die Bundesregierung auf sich in Brüssel für die europaweite Brennstoffzellenmobilität und den Bau der dafür erforderlichen Brennstoffzellen und Elektrolyseure in europäischen Fabriken einsetzen. Dieses verspricht nicht nur Arbeitsplätze im Bereich der Brennstoffzellen, sondern sichert auch bei den etablierten Zulieferindustrien der Automobilbranche Arbeitsplätze.

Berlin, 28.06.2018
Werner Diwald
Vorstandsvorsitzender